Wir finden uns im Fernsehen, Filmen, Serien und Musik.
Dort habe auch ich mich gesucht UND gefunden. Da ich Jahrgang 1976 bin, wurde ich von den 80er und 90ern geprägt.
Musik
Musik ist schon immer mein Safespace. In den 80ern war mein Antrieb: ich will die Liedtexte verstehen. Englisch habe ich mit MTV UK gelernt- zum Glück hatten meine Eltern seit 1984 eine Satelliten-Schüssel- eine schöne Erinnerung ist, dass wir samstags immer die European Top 20 geschaut haben- jahrelang, religiös.
TV
Ich habe wenige schwule oder queere Storylines im TV gefunden. Wenn ich sie gefunden habe, habe ich sie verschlungen. Ich kann mich gut dran erinnern, dass ich mit meiner Schwester und meinen Eltern im Wohnzimmer zusammen „das letzte Einhorn“ geschaut habe, und ich habe bitterlich geweint.
Queer Loneliness
Jahre später wurde der Film bei Barbie Breakout, Tatjana Berlin und Paul Schulz im Podcast „2old2dieyoung“ besprochen, ich habe wieder geweint und mich gefragt: warum berührt mich dieser Film so? Und ich bin der Meinung, dass es die EINSAMKEIT des Einhorns ist, die Suche und das Finden der anderen Einhörner. Die Transferleistung von Einhorn zu schwul war für mich nicht schwer, ich habe gecodeten Inhalt verstanden und auf mich bezogen.
Material Boy
Ich kann mich daran erinnern, wie ich mich in Madonnas „Material Girl“ Video verliebt habe- ich war 9 Jahre alt.
Mit dem geerbten Videorecorder meines Onkels, bei dem ich Textmarker-große Tasten tief nach unten drücken musste, um ihn zu bedienen, wusste ich genau wie lang ich zurückspulen musste, um genau am Anfang des Videos zu landen- danke Streamingdienste für eure repeat-Funktion!
Drag
Mary & Gordy waren in den 80ern DIE „Dragqueens“ bzw. Travestie-Stars in Deutschland. Ich war fasziniert von ihrem Witz und von Marys Schönheit, und ich kann mich erinnern, dass ich dachte: ich werde nie eine so schöne Frau sein wie Mary…
90s
In den 90ern gab es mehr zu finden, da erwachte auch die SpaceCowboy: Star Trek Next Generation- Wesley Crusher, der Sohn der Ärztin Beverly Crusher, war einer meiner 1. Crushes- literally.
Geros Storyline in der ARD Daily Soap „Verbotene Liebe“. Natürlich Jack in Dawson’s Creek, Sex and the City…
Leben vs. Tod
Die wildeste Story gab es in meinem eigenen Leben. Während ich in mir immer wusste, dass ich schwul bin, wurde mir von außen täglich die hetero-Welt als die ultimative Lösung präsentiert. Es wurde über HIV und Aids berichtet- guck‘ dir heute mal die Berichterstattung von damals an, als es keinen Namen für „diese Krankheit“ gab und mit wieviel Angst und Scham hier gearbeitet wurde- TV-Berichte, Stern, Spiegel- danke für mein Trauma.
Die Kette war klar: WENN ich schwul bin, irgendwann Sex haben werde: HIV-> Aids-> Tod- ich dachte sehr lang, dass ich nicht alt werden würde… die Tatsache, dass ich 1997 meinen 1. Sex hatte, hat mir mit das Leben gerettet.
„Beste Freundin“
Back to me: von außen betrachtet habe ich mit 15 „meine Freundin“ kennengelernt. Wir waren unzertrennlich, haben gefeiert, getrunken, sind zusammen ins Kino gegangen und haben zusammen Musik gehört- Musik war unser Safespace.
Natürlich hat mich jeder gefragt, ob sie „meine Freundin“ ist, was ich immer verneinte- aber ich hätte es gerne, damit dieser Druck aufhört. Ich habe sie sehr geliebt, und ich dachte nicht im Traum daran, dass sie „nur“ meine beste Freundin hätte sein können, sondern sie hätte meine 1. Freundin sein können… twisted.
Plot-Twist
Even more twisted: wir waren beide nicht geoutet, und irgendwann habe ich erfahren, dass sie lesbisch ist. Für mich ist KEINE Welt untergegangen, im Gegenteil, es war eine Erleichterung. Bald darauf hatte ich meinen 1. Freund, und als sie mich nach meinen Knutschflecken ausfragen wollte, habe ich es ihr nicht gesagt. Ich wollte, dass sie mir sagt, von wem ihre Knutschflecken sind- sie tat es nicht. Also habe ich ihr gesagt, dass ihre Knutschflecken von ihrer Freundin sind, und dass meine Blutergüsse von meinem Freund sind.
Magnetisch
Im hessischen Dorf in den 90ern haben also der Schwule und die Lesbe zusammengefunden, und anstatt offen und ehrlich miteinander umzugehen, haben wir diesen traumatischen Eiertanz aufgeführt- DAS wäre das layered Drehbuch, das ich schreiben würde, und das bitte als Musical verfilmt wird…
Gay Life
Alles in allem ging für mich das (schwule) Leben 1996 in der Stadt Mannheim los. Um mein Studium zu finanzieren, habe ich einen Job im Call-Center angenommen, das von 2 schwulen Brüdern geführt wurde. Dort habe ich den 1. Mann kennengelernt, den ich geküsst habe und über ein paar Ecken meinen 1. Freund. Endlich: Beziehung, rummachen, HIV-Test, Sex- woohoo.
Queer Suffering
Die tragischen Nebenhandlungen, die ich in Serien, Filmen und Musik-Videos gesehen habe, Queer Suffering, waren in mein System programmiert.
Ich war 2025 wohl der einzige auf der 80er Party, der zu „Smalltown Boy“ getanzt und geweint hat- das können nämlich auch nur Queerlinge: leiden (oder demonstrieren) und feiern zugleich.