Die Fußball-Gesellschaft
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Das WM-Dilemma: Enden wir bei „Tip Toe“ oder gestalten wir „Heated Rivalry“?
Ab heute rollt der Ball wieder. Die Fußball-Weltmeisterschaft startet. Millionen Menschen starren auf die Bildschirme, die Emotionen kochen hoch. Und während die FIFA uns mit Hochglanzbildern bespielt, bleibt im Hintergrund ein unbequemer Elefant im Raum sitzen.
Lass uns heute mal differenziert hinschauen. Denn für mich geht es um die Frage, wo wir als Gesellschaft hinsteuern.
Die beiden Pole unserer Gesellschaft
Für mich markieren zwei Begriffe die extremen Pole, zwischen denen wir uns gerade bewegen:
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„Tip Toe“ – angelehnt an die Serie von Russell T. Davies. Ein Pol, der für eine Kultur der Angst und Gewalt steht. Wo weggeschaut wird, wo sich toxische Dynamiken aufladen und am Ende der schwule Nachbar gelyncht wird. Wo Menschen auf Zehenspitzen durch ihr eigenes Leben schleichen, weil sie nicht wissen: bin ich hier sicher?
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„Heated Rivalry“ – der Gegenpol. Eine Welt, in der sportliche Rivalität brennt, in der es laut, leidenschaftlich und emotional zugeht, aber in der Spieler und Trainer während ihrer aktiven Karriere offen über ihre Sexualität sprechen können mit Happy End.
Deutschland
Seit 2016 hat der DFB einen Ethik-Codex. Schön formuliert auf Papier. Aber wird danach gehandelt?
Vielleicht war das pink-lila Auswärtstrikot der Deutschen der größte Erfolg des DFB. Es wurde anfangs heftig kritisiert und abgelehnt, und dann zum erfolgreichsten Auswärtstrikot der DFB-Geschichte.
Thomas Hitzlsperger, der sich NACH seiner Spieler-Karriere geoutet hat und heute als Experte im TV kommentiert, bringt die Schieflage auf den Punkt: „Wenn die Mehrheit heterosexuell ist, oder vorgeibt heterosexuell zu sein…“ Mehr muss man eigentlich gar nicht sagen. Dieses „Vorgeben“ ist das Symptom einer Kultur, die sich noch viel zu nah am Pol von Tip Toe bewegt.
Das „Pride Match“
In Seattle wurde das WM-Spiel am 26. Juni plakativ zum „Pride Match“ ausgerufen – und die Auslosung führt ausgerechnet Ägypten und den Iran dort zusammen. Zwei Länder, in denen Homosexualität staatlich verfolgt wird.
Bisher hat die FIFA Seattle nicht offiziell aufgefordert, das Thema abzusagen – sie sitzt das Ganze aus. Da die „Host Cities“ (wie Seattle) eigene lokale Initiativen und Rahmenprogramme hochziehen dürfen, greift die FIFA im Vorfeld ungern öffentlich ein, solange es nicht das Geschehen direkt auf dem Rasen betrifft.
Das große Paradoxon: Homosozial, bloß nicht homosexuell
Dabei sollten wir uns eine Frage ehrlich stellen: Wann verschieben wir endlich diese Grenze in unseren Köpfen?
Denn wenn wir ganz genau hinschauen, ist Fußball bereits zutiefst körperlich und emotional. Er ist absolut homosozial. Männer liegen sich bei Toren weinend und jubelnd in den Armen, sie stapeln sich übereinander, herzen und küssen sich. Der Fußballplatz ist einer der wenigen Räume in unserer Gesellschaft, in dem Männer ungefiltert emotional sein dürfen. Wo es okay ist, Tränen zu zeigen.
Im geschützten Raum des Rasens und der Fankurve ist diese extreme Nähe völlig normal. Aber wehe, das Thema Homosexualität kommt ins Spiel. Dann zieht das System sofort eine panische und künstliche Grenze.
Ich will Fußball-Fans diesen Raum nicht nehmen – im Gegenteil! Es wird Zeit, dass Männer zu ihren Gefühlen stehen, anstatt sie hinter künstlichen Mauern und Aggressivität zu verstecken. In dieser intensiven, gemeinsamen Emotionalität steckt die perfekte Vorlage für eine riesige, verbindende Feier des Sports. Stattdessen wird diese Energie im Außen oft in Aggression, Abgrenzung und einen künstlichen Krieg kanalisiert. Warum nutzen wir diese Lebendigkeit nicht für das Schöne?
Die rote Linie: Wenn Emotion in Hass umschlägt
Wir können nicht auf die Verbände warten. Alibi-Kampagnen ersetzen keine strukturelle Veränderung. Das System heilt sich nicht von allein.
Wir haben es selbst in der Hand. Jeden Tag. Durch das, was wir akzeptieren – und was nicht.
Das Spektrum unseres Verhaltens entscheidet, wohin das Pendel ausschlägt. Und hier müssen wir eine glasklare, unmissverständliche Grenze ziehen: Emotionen, Leidenschaft, Ekstase? Ja, bitte! Aber in dem Moment, in dem die Emotion in Hass, Ausgrenzung und Gewalt umschlägt – egal ob verbal oder mit Taten –, müssen wir Stopp sagen. Wir alle. In jedem Spiel. Die Verbände, die Mehrheit, die Fankurve.
Jedes Schweigen ist ein Ja zu Tip Toe. Jedes mutige Wort ein Schritt Richtung Heated Rivalry.
Ein bisschen wie der ESC für den Fußball
Es geht mir überhaupt nicht darum, dem Fußball den emotionalen Stecker zu ziehen. Ich wünsche mir einen brennenden, gesunden Wettbewerb. Ein bisschen wie der Eurovision Song Contest (ESC) für den Fußball.
Beim ESC sehen wir genau das: Wettbewerb, Emotionen, Flaggenmeer und Leidenschaft – eingebettet in einen Rahmen aus Respekt, Vielfalt und Sicherheit für alle. Niemand muss dort Angst haben, zu sein, wer er ist.
Das ist auch beim ESC nicht immer einfach, und ich kritisiere die EBU regelmäßig. Und gleichzeitig sehen wir: Es ist möglich.
Wir entscheiden als Fans, als Konsumenten, als Menschen im Alltag, wie dieses Spiel ausgeht. Wir haben die Gestaltungskraft. Lass uns die Angst aus dem Spiel nehmen, damit Fußball das sein kann, was er eigentlich ist: Eine Feier des Lebens, der Gefühle und des Sports.
Was wählst du, während dieser WM und danach?
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